31. März 2026

Erinnern an Helmut Kohl, aber wie?

Beitrag in der Rheinpfalz von Ilja Tüchter

Leider gibt es noch immer keine Einigung darüber, wie es mit den zwei – bisher konkurrierenden – Stiftungen zum Gedenken an den Pfälzer Staatsmann Helmut Kohl weitergeht.

Kaum ein Politiker hat die Bundesrepublik so geprägt wie Helmut Kohl, der 1973 bis 1998 Bundesvorsitzender der CDU und 1982 bis 1998 Bundeskanzler war. Hier im Bild: Kohl mit seiner Frau Maike im Jahr 2014.
Foto: Imago/Norbert Neetz/epd

In seinen 2023 erschienenen Memoiren „Ich war BILD“ dokumentiert Kai Diekmann, Ex-Chefredakteur der größten Tageszeitung Deutschlands, wie Altbundeskanzler Helmut Kohl ihm seinen letzten Willen anvertraute. 2012 sei das gewesen, gut ein halbes Jahrzehnt vor Kohls Tod, wie sich herausstellen sollte. Diekmann, mit Kohl befreundet und 2008 sogar Trauzeuge des Ludwigshafeners und dessen zweiter Frau Maike Kohl-Richter, zitiert auf Seite 193: „Maike ist mein Glück, Maike ist mein Engel. (…) Ich weiß nicht, wie viel Zeit mir der liebe Gott noch gibt. Aber wenn ich heimgehe, dann möchte ich, dass Maike alles bekommt. (…) Sie allein soll bestimmen, was dann ist, auch mit meinem Geschichtsbild.“

Der promovierte Historiker Kohl weiß nur zu gut, dass Geschichtsschreibung beeinflusst, wie sich die Nachwelt erinnern wird. Er hat zu dem Zeitpunkt schon drei Bände seiner „Erinnerungen“, seiner Autobiografie veröffentlicht. Band 3, erschienen 2007, endet mit dem Jahr 1994 – der geplante vierte Band, in dem es um den Machtverlust 1998 und auch die Parteispendenaffäre gehen müsste, die Ende 1999 zum Bruch der eigenen Partei mit ihrem Ehrenvorsitzenden führte, ist bis heute nicht erschienen. Mit dem Ghostwriter seiner Memoiren, Heribert Schwan, überwerfen sich die Kohls. Bis heute dauert der Rechtsstreit darüber an, dass Schwan seine Tonbandaufzeichnungen der vielen Gespräche mit Kohl in dessen Oggersheimer Bungalow für ein eigenes Buch genutzt hat. Kohl sagt dazu: „Die öffentliche Zurschaustellung und Vermarktung meines Privatlebens durch Dritte empfinde ich als unangemessen.“

Kohl ist tief verletzt über den Vertrauensbruch und bekommt später vor Gericht auch Schadenersatz zugesprochen. Und er vertraut nur noch einer Person, dereinst über sein Andenken zu wachen: seiner Frau Maike.

Fast anderthalb Jahrzehnte nach Kohls „Testament“ gegenüber Kai Diekmann kämpft Maike Kohl-Richter noch immer für ihr Recht als Witwe und Alleinerbin. Neben den Prozessen gegen den Kölner Journalisten Schwan geht sie gegen eine per Bundesgesetz geschaffene Stiftung vor, die der Bundestag gegen ihren Willen 2021 aus der Taufe hob – die „Bundeskanzler Helmut Kohl Stiftung“.

Dem Berliner Landgericht II liegt seit Anfang 2025 eine Klage vor, die das Aktenzeichen 52 O 7/25 trägt. Der Stiftung des Bundes soll untersagt werden, ohne Zustimmung der Kläger den Namen ,Helmut Kohl“ (...) zu nutzen und (...) politische Dienstleistungen anzubieten und Veranstaltungen zu organisieren und durchzuführen“. In der Klage verweist die Alleinerbin auf Namens- und postmortale Persönlichkeitsrechte (...). Zuvor hat sie diverse Marken eintragen und schützen lassen. Ob die Klage Erfolg haben wird? Das Berliner Landgericht II teilt Anfang dieser Woche mit: „Es gibt noch keinen Termin zur mündlichen Verhandlung.“

Vorurteilsfreie Forschung

Alleinerbin Maike Kohl-Richter wiederum hat selbst im Juni 2021 eine eigene Stiftung gegründet: die Helmut-Kohl-Stiftung mit Sitz in der Marbacher Straße in Ludwigshafen, wo Kohl bis zu seinem Tod lebte und wo die Alleinerbin bis heute wohnt. „Quellengestützt und vorurteilsfrei“ soll diese Stiftung Kohls Biografie aufarbeiten, so der selbst gesteckte Anspruch.

Fast fünf Jahre später muss man konstatieren: Außer der Klage gegen die Bundesstiftung und vielen Worten des Lobs und des Danks für ihren Mann aus der Feder Maike Kohl-Richters höchstpersönlich hat die Stiftung keine öffentlich sichtbaren Aktivitäten entfaltet. Das Leitbild der Stiftung ist zwar 30 Seiten lang, besteht aber nur aus Zitaten des Ehrenbürgers Europas, die seine Frau kuratiert hat. Ein sonst übliches detailliertes Arbeitskonzept – Fehlanzeige.

Die Berliner Bundesstiftung hingegen betreibt seit einiger Zeit einen Kohl-Salon mit einer kleinen Fotoausstellung über den Staatsmann aus der Pfalz. Vorträge und Führungen finden statt, Symposien und Veröffentlichungen ebenso. Zeitzeugeninterviews werden dokumentiert. Ein zehnköpfiger Wissenschaftlicher Beirat, den der TV-bekannte Politologe Karl-Rudolf Korte anführt, begleitet die Arbeit der Bundesstiftung. Zudem arbeitet sie an einer Dauerausstellung über Kohls Wirken als Kanzler. Sie soll im Otto-Wels-Haus, Unter den Linden 50, beheimatet sein. Dazu hat die Stiftung einen Aufruf gestartet: Eine Kuratorin sichtet „aufgezeichnete Berichte, Erinnerungsstücke und Dokumente“, die ihr zugesandt werden. Kohls Stimmkarte aus dem Bundestag oder auch ein von ihm signierter Zehn-Euro-Schein sind darunter.

Ob diese Ausstellung, die 2028 eröffnet werden soll, schon rechtswidrig wäre? Auch wenn Maike Kohl-Richter immer wieder gesagt hat, sie wolle gar kein Vetorecht – die Markenrechtsklage könnte auf ein weitreichendes Veto hinauslaufen. Ein Museumsshop mit Helmut-Kohl-Taschen oder anderen Memorabilien erscheint jedenfalls unvereinbar mit ihrer Sichtweise.

Darf es ein Vetorecht geben?

Kuratoriumschef der Bundesstiftung ist der ehemalige Unionsfraktionschef Volker Kauder. Schon 2021 hat er gesagt: „Der Bundeskanzler Helmut Kohl gehört nicht allein seiner Familie. Er hatte ein Staatsamt.“ Inwiefern die Alleinerbin trotzdem ein Vetorecht haben sollte und haben darf, harrt aber weiter der juristischen Klärung.

Je länger die Ära Kohl vorbei ist, desto mehr drängt die Zeit, Dokumente zu sichern und Zeitzeugen zu Wort kommen zu lassen. Beide Stiftungen könnten einander dabei ergänzen. Noch immer wäre denkbar, Maike Kohl-Richter den Platz im Kuratorium der Bundesstiftung zu geben, den sie ausgeschlagen hat. Statt der Alleinerbin ist bisher nur Enkel Johannes Volkmann, hessischer CDU-Bundestagsabgeordneter und Kind von Kohls Sohn Walter, als Familienmitglied im Kuratorium vertreten.

Während in Hamburg die 2017 gegründete „Bundeskanzler Helmut Schmidt Stiftung“ längst eine Dauerausstellung hat und ein Archiv des SPD-Altkanzlers Wissenschaftlern offensteht, harrt das geistige Erbe Helmut Kohls einer vergleichbaren Regelung. Das klare Wort „Maike allein soll bestimmen“, das Kohl zu Lebzeiten gesprochen hat, steht im Widerspruch zur unabhängigen Gedenkarbeit, die die Bundesstiftungen für große Staatsmänner betreiben.